Die Ribeira Sacra liegt im Landesinneren Galiciens, dort wo der Sil die Grenze zwischen den Provinzen Lugo und Ourense zieht. Der Fluss hat sich hier über Jahrtausende tief in den Fels gegraben. Vom Wasser aus sieht man die Ribeira Sacra anders als von den Aussichtspunkten oben. Das Boot gleitet einsam durch die Sil-Schlucht im Süden Galiciens. Kein Verkehrslärm ist zu hören, was das Erleben noch verstärkt. Mit jeder Flussbiegung öffnet sich der Blick auf die besonnte Flanke des Canyons, dort, wo die Weinberge sind. Die gegenüberliegende Seite bleibt im Schatten, dicht bewaldet und unbearbeitet. Auf den sonnigen Terrassen über dem Wasser wird seit der Römerzeit Wein angebaut – auf socalcos oder bancales, schmalen, von Hand aufgemauerten Stufen, die jede Mechanisierung unmöglich machen.

Wie steil diese Terrassen sind, versteht man spätestens, wenn man von der Lese hört. Auf den schwierigsten Parzellen sichern sich die Erntehelfer mit Klettergurt und Seil, einzelne Lagen sind so abschüssig, dass die Trauben nur per Boot abtransportiert werden können – heute ein eher seltener Fall, aber dafür laufen bereits Tests mit Drohnen.

Der Sil-Fluss: eine der steilsten Schluchten Spaniens

Nicht ohne Grund trägt der Weinbau hier den offiziellen Titel viticultura heroica. Die Lagen liegen vielfach jenseits von dreißig Prozent Gefälle, einzelne reichen nahe an die Senkrechte. Gearbeitet wird mit Händen, Armen und Rücken; die einzige nennenswerte Hilfe sind kleine Schienenbahnen, die die Erntekisten den Hang hinaufziehen. Der rote Mencía ist die mit Abstand wichtigste Rebsorte, beim Weiß führt der Godello. Mittlerweile erleben die alten regionalen Rebsorten aber wieder eine Renaissance. Die Denominación de Origen Ribeira Sacra schützt diese Weine seit 1996.

Oberhalb der Hänge liegen Klöster und romanische Kirchen, viele davon zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert errichtet, von Mönchen, die hier bewusst die abgeschiedensten Winkel suchten. Die Dichte romanischer Sakralbauten gilt als eine der höchsten Europas. Deshalb wurde lange Zeit die Ribeira Sacra als das „heilige Ufer“ übersetzt – mittlerweile hat sich eine andere Deutung durchgesetzt, worüber ich schon im Blogbeitrag über die Ribeira Sacra geschrieben habe.

Mit dem Boot durch den Cañón do Sil

Auf dem Sil verkehren mehrere Anbieter, und anders als man vermuten könnte, fahren sie nicht alle dieselbe Strecke. Die Schiffe sind meist kleine Ausflugsboote und Katamarane; die Fahrten dauern je nach Route meist 75 Minuten bis zwei Stunden, es gibt auch Tagestouren. An Bord erzählen Guides Wissenswertes über die Region und erklären, wie der Weinbau an den Hängen der Ribeira Sacra funktioniert.

Welcher Anleger für eine Bootsfahrt durch die Sil-Schlucht der richtige ist, hängt davon ab, welchen Abschnitt der Schlucht du sehen möchtest.

Ablegen in Santo Estevo

Vom Anleger bei Santo Estevo starten die größten Boote, und die Route führt durch den schroffsten, engsten Teil des Canyons. Praktisch: Der Anleger liegt unterhalb des ehemaligen Klosters Santo Estevo de Ribas de Sil, das seit 2004 ein Parador ist – ein staatliches Hotel in historischem Gemäuer. Seine drei Kreuzgänge – ein romanischer, ein gotischer und ein Renaissance-Kreuzgang – lassen sich auch ohne Übernachtung besichtigen. Das ehemalige Kloster ist einer der berühmtesten Sakralbauten der Ribeira Sacra und eine Besichtigung wert.

Doade und A Abeleda

Wenige Kilometer entfernt, dort wo die Ponte do Sil die Provinzgrenze überspannt, liegen sich zwei weitere Anleger gegenüber: Doade auf der Lugo-Seite, A Abeleda auf der von Ourense. Von hier führen die Fahrten durch den weinbergreichsten Abschnitt bis zum Kloster Santa Cristina de Ribas de Sil. Wer vor allem die terrassierten Hänge sehen will, ist auf dieser Strecke richtig.

In der Hochsaison und besonders im Herbst, wenn sich die Weinberge verfärben, sollte man die Tickets vorab buchen. Die Anleger liegen an verschiedenen Flussufern und sind nicht direkt miteinander verbunden – ein Blick auf die Karte vor der Fahrt erspart Umwege.

Der Blick von oben: die Miradoiros über dem Sil

Das Boot zeigt den Sil-Canyon von unten, die Aussichtspunkte von oben – und erst zusammen ergeben sie ein vollständiges Bild. Miradoiro ist das galicische Wort für Aussichtspunkt; entlang des Sil gibt es Dutzende, viele davon im Gemeindegebiet von Parada de Sil auf der Ourense-Seite. Im Im Beitrag über die Ribeira Sacra-Region findest du einige Tipps zu den schönsten Aussichtspunkten der Sil-Schlucht.

Den Rio Sil kann man das ganze Jahr über mit dem Boot befahren, doch jede Jahreszeit ändert den Charakter. Im Frühling steht die Vegetation in sattem Grün, der Fluss und die umliegenden Bäche führen mehr Wasser, die Temperaturen sind mild. Im Sommer kann es am Sil ganz schön heiß werden – und voller: die Ferien bringen mehr Tourist:innen in die Ribeira Sacra. Daher lohnt es sich im Juli und August, die Sil-Bootsfahrt einige Tage im Voraus zu buchen.

Am Schönsten ist es meiner Meinung nach im Herbst. Dann färben sich die Weinberge in Gelb, Orange und Rot, die Reben sind traubenbehangen und die vendimia, die Weinlese, startet. Manche kleinere Weingüter schließen dann ihre Pforten für Besucher:innen, größere Betriebe können aber weiterhin besichtigt werden. Und noch ein Tipp: wenn du flexibel planen kannst, dann mache die Bootsfahrt auf dem Sil unter der Woche, dann geht es entspannter zu.

Praktisches für die eigene Anreise in die Ribeira Sacra

Um eine Sil-Bootsfahrt zu machen, musst du natürlich erst einmal in die Region kommen. Die ist nämlich ziemlich abgelegen.

  • Anfahrt: Ourense und Monforte de Lemos sind die naheliegenden Ausgangspunkte; von dort erreicht man die wichtigsten Anleger und Aussichtspunkte in jeweils rund 45 bzw. 20 Minuten über kurvige Straßen.
  • Tickets: In der Hochsaison und im Herbst vorab reservieren, vor allem für die größeren Boote ab Santo Estevo.
  • Wandern: Rund um den Canyon und durch die benachbarte Mao-Schlucht verlaufen gut markierte Wege zwischen Reben und Wald. Ein bis zwei Stunden lassen sich problemlos mit der Bootsfahrt verbinden.
  • Essen: Kleine Landgasthäuser servieren deftige galicische Klassiker und natürlich Wein aus der Ribeira Sacra.
  • Weingut: Viele adegas (so heißen die bodegas auf galicisch) bieten Führungen und Verkostungen an.

Am flexibelsten erkundet man die Ribeira Sacra mit dem Mietwagen – der öffentliche Nahverkehr ist in der Region zwar vorhanden, aber weder eng getaktet noch umfassend. Um die Anleger für die Bootsfahrten auf dem Sil zu erreichen, ist das Auto oder ein Taxi die beste Wahl.

Eine Bootsfahrt auf dem Sil gehört zum Pflichtprogramm jeder Ribeira Sacra-Tour

Am besten lässt sich der Schiffsausflug mit einer kleinen Wanderung, einem Aussichtspunkt und einem Essen in einem der traditionellen Restaurants verbinden. Nach dem Blick von unten, dem Blick von oben und einem Glas aus genau diesen Lagen versteht man die Ribeira Sacra ein gutes Stück besser.

Selbstverständlich werden wir im Rahmen der Galicien-Weinreise auch eine Bootsfahrt auf dem Sil unternehmen und die schönsten Weingüter der Gegend besuchen. Es lohnt sich!

Bildquellen

1 & 3: Adega Algueira

2: destino:vino

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