Das Weingut aus Doade, das die Ribeira Sacra in die Welt trug
Bei der Planung meiner Weinreisen durch Galicien suche ich nicht einfach nur nach den größten oder bekanntesten Namen, sondern nach Weingütern, die ihre Region besonders authentisch repräsentieren – und deren Weine richtig gut schmecken! Die Adega Algueira gehört für mich unbedingt dazu. Nicht nur wegen ihrer fantastischen Weine, sondern auch wegen ihrer Bedeutung für die Entwicklung der Ribeira Sacra.
Wenn von der Wiederbelebung des Weinbaus in der Ribeira Sacra die Rede ist, fällt der Name Algueira unweigerlich. Das Weingut aus Doade gehört zu den stilprägenden Betrieben der Region und hat wesentlich dazu beigetragen, das Potenzial ihrer historischen Steillagenweine weit über Galicien hinaus bekannt zu machen. Seit seiner Gründung steht Algueira für eine Verbindung aus traditionellem Weinbau, konsequenter Arbeit in den extremen Hanglagen des Sil-Tals und dem Bestreben, die Eigenständigkeit der Ribeira Sacra in ihren Weinen sichtbar zu machen. Heute zählt das Weingut zu den wichtigsten Aushängeschildern eines Anbaugebiets, das sich in den vergangenen Jahrzehnten von einer kaum bekannten Weinregion zu einer der spannendsten Herkunftsbezeichnungen Spaniens entwickelt hat.

Wenn du die Ribeira Sacra noch nicht kennst, solltest du unbedingt auch meine Einführung in die Region lesen. Dort versuche ich, dir einen Eindruck von der Besonderheit dieses etwas abgelegenen Landstrichs zu geben. Eine alte, gewachsene Kulturlandschaft, die sich durch eine große natürliche Schönheit auszeichnet. Hier in diesem Beitrag geht es um ein einzelnes Weingut in der Ribeira Sacra: die Adega Algueira.
Adega?
„Adega“ ist das galicische Wort für Bodega, also Weingut. In Galicien befinden wir uns nämlich in einem ganz eigenen Sprachraum. Neben dem Spanischen spricht man hier auch galego, also galicisch. Das ist eine eigenständige, mit dem Portugiesischen eng verwandte romanische Sprache, die als kooffizielle Amtssprache der Region anerkannt ist.
Wo liegt die Adega Algueira?
Das Weingut Algueira steht etwas außerhalb von Doade, einem Dorf in der Gemeinde Sober in der Provinz Lugo. Doade gilt als das Herz der Subzone Amandi (mehr über die Subzonen im Einführungsartikel zur Ribeira Sacra). Viele der Weine, die den Ruf der Ribeira Sacra geprägt haben, stammen aus den Steillagen von Amandi. Steile Südhänge, Schiefer, viel Licht: Hier entstehen konzentrierte Mencías.
Von Monforte de Lemos, der heimlichen Hauptstadt der Region, bist du in rund 20 Minuten da. Die letzten Kilometer winden sich durch Wald und Weinberg hinab Richtung Fluss – und spätestens, wenn sich der erste Blick in den Canyon öffnet, ahnst du, worauf du dich einlässt.
Von der Bank in die Steillage
Die Geschichte der Adega Algueira beginnt mit einem Mann, der eigentlich nichts mit Weinbau zu tun hatte. Fernando González arbeitete als Bankangestellter in Madrid, als ihn seine Familie Ende der 1970er-Jahre in die Ribeira Sacra führte. Dort stieß er auf die stark verfallenen, teilweise längst aufgegebenen Steillagen am Sil – Relikte einer einst intensiven, dann fast verschwundenen Weinbaukultur, die vor allem durch Privatbewirtschaftung und Kooperativen irgendwie überlebte.
Was damals für viele nach unbrauchbarem Terrain aussah, entwickelte sich für ihn Schritt für Schritt zu einem Projekt: Ohne kurzfristige Perspektive begann er Anfang der 1980er-Jahre damit, einzelne Terrassen in mühevoller Kleinarbeit wieder instand zu setzen und die Weinberge langsam zurück ins Leben zu holen. Das braucht einen starken Willen. Mitte der 1980er Jahre wurden die ersten Ernten eingebracht.
Es hat sich gelohnt. Rund ein Jahrzehnt später wurde begann die internationale Weinwelt, auf die Kreationen der Adega Algueira aufmerksam zu werden. Das Weingut zählt heute zu den Namen, die man nennt, wenn man die Ribeira Sacra erklären will. Inzwischen ist die zweite Generation an Bord: Sohn Fabio González führt das Werk weiter, zusammen mit seinen Eltern. Ana Delia, die Matriarchin des Weinguts, fasst die Philosophie von Algueira zusammen: Respekt vor dem Terroir, autochthone Rebsorten, Handlese, keine Herbizide, eine möglichst schonende Vinifikation, spontane Gärungen, Holz moderat, Filtration nur wenn unbedingt nötig.
“I need a Hero”: Heldenhafter Weinbau – was das hier konkret heisst
Du hast den Begriff vielleicht schon gehoert: viticultura heroica, heldenhafter Weinbau. In der Ribeira Sacra ist das keine Marketingfloskel – na gut, ein bisschen schon. Dennoch bezeichnet es ziemlich gut die anspruchsvolle Bewirtschaftungsweise der Weinberge. Bei Algueira – und nicht nur dort – ziehen sich die Lagen über Schieferterrassen mit einer Neigung von bis zu rund 80 Prozent den Berg hinauf. Bzw. hinab. Maschinen haben hier keine Chance – die Hänge sind schlicht zu steil. Jeder Schnitt, jede Lese, jeder Handgriff erfordert Trittsicherheit und die Bereitschaft zu körperlich harter Arbeit, die sich kaum mechanisieren lässt. Einzige Ausnahme sind die Schienenbahnen, die an manchen Steillagen installiert wurden, um die schweren Traubenkörbe nach der Lese den Berg hinaufzubefördern. Früher wurden die Erntemengen übrigens auch per Boot transportiert – der Fluss war der einzige Weg nach draußen.
Der Schiefer ist dabei mehr als Untergrund. Er speichert Wärme, zwingt die Reben tief zu wurzeln und gibt den Weinen jene salzig-mineralische Spannung, die gute Ribeira-Sacra-Weine auszeichnet, oft im Zusammenspiel mit einer etwas frischeren Säure. Dazu kommt ein Klima, das den atlantischen Einfluss Galiciens mit kontinentalen und in den Südlagen fast schon mediterranen Zügen mischt.
Im Keller setzt Algueira auf zurückhaltende, fast altmodische Methoden. Ein Teil der Trauben wird noch mit den Füßen gestampft und samt Stielgerüst vergoren. Das ist schonender als das maschinelle Entrappen und gibt den Weinen etwas mehr Frische und Struktur. Der Ausbau erfolgt zurückhaltend in großen Holzfässern, teils aus französischer Eiche, teils sogar aus Kastanie.
Das Weinportfolio – Mencía, Godello und ein paar fast vergessene Sorten
Rund 12 Weine vertreibt die Adega Algueira über ihren Shop. Daneben sind einige gereifte Weine aus besonders guten Jahrgängen im kleinen Laden des Weinguts erhältlich – ein Highlight für Weinfans, denn nur wenige Weingüter bieten sowas an.
Gearbeitet wird ausschließlich mit autochthonen, also heimischen Trauben aus den eigenen Weinbergen, wie die weißen Sorten Godello, Treixadura, Albariño und Loureiro und die roten Sorten Mencía, Caíño, Sousón, Brancellao und Merenzao. Im Zentrum steht die rote Mencía, die wichtigste rote Sorte der Region, die auch im benachbarten Bierzo weit verbreitet ist. Bei den Weißweinen führt die Godello das Feld an. Spannend wird es bei den fast vergessenen einheimischen roten Sorten, wie Brancellao, Merenzao, Sousón und Caiño, die aktuell in der Region mit großer Begeisterung wiederentdeckt werden und spannende, schlanke Weine hervorbringen. Wer spanischen Rotwein bisher nur als wuchtig und dunkel kennt, wird hier überrascht werden, versprochen.
Im Glas: Algueira Carravel 2011
Bekanntlich geht probieren über studieren. Ich hatte das Glück, den Algueira Carravel 2011 ergattern zu können und zu verkosten. Ein reinsortiger Mencía, der mindestens 12 Monate in gebrauchten französischen Eichenfässern ausgebaut wurde. Dieser Wein ist eine Rarität, denn es ist wahrlich nicht einfach, gereifte Weine aus der Ribeira Sacra zu finden. Vor allem aber ist der Algueira Carravel 2011 der beste Beweis dafür, dass die Weine der Ribeira Sacra herausragend altern können.

In der Nase zunächst feine Reifenoten, harmonisch und ohne jede Kante. Etwas Fleischiges, daneben eine überraschend präsente Frucht, ein Hauch Röstaromen und ganz dezent Leder. Am Gaumen dann das eigentlich Verblüffende: diese Balance. Die Textur ist samtig und elegant, Fassnoten und Frucht halten sich mühelos die Waage, die Frucht liegt liegt irgendwo zwischen reifer Pflaume und Sauerkirsche. Die Tannine sind nach anderthalb Jahrzehnten zwar noch leicht präsent, aber wunderbar eingebunden – sie kribbeln leise auf der Zunge. Darunter eine mineralische Ader, die den Mund frisch hält und zum nächsten Schluck einlädt. Ein wunderbar gereifter Wein, von strahlender Harmonie, 15 Jahre auf dem Buckel und kein bisschen müde.
Ribeira Sacra Urlaub: Gute Aussichten inklusive
Sober, die Gemeinde, zu der Doade gehört, pflegt eines der schönsten Netze an Aussichtspunkten der Region. Wer Zeit mitbringt, kann von einem Mirador zum nächsten ziehen – jeder öffnet einen anderen Ausschnitt dieser atemberaubend schönen Landschaft. Der erste Reflex ist es, ein Foto zu machen. Aber danach bleibst du und hältst inne, weil dich die Magie des Ortes fesselt.
Wenn du dem Weg, der zum Weingut Algueira führt, etwas weiter folgst, gelangst du zum Mirador Pena do Castelo, der zu den schönsten Aussichtspunkte der ganzen Ribeira Sacra. Ein Felsvorsprung mit einer kleinen, schieferbedeckten Kapelle, der wunderschöne Ausblicke auf die mit Wald und Weinbergen gespickte Silschlucht erlaubt und dich zudem weit blicken lässt.
Das Restaurant O Castelo – galicische Küche neben den Fässern
Nach der Weinprobe und dem Spaziergang eine kleine Stärkung gefällig? Zur Adega Algueira gehört ein eigenes Restaurant: das O Castelo, gleich neben der Bodega. Der Stil ist genau das, was man sich an einem solchen Ort wünscht – traditionell, regional, aber mit Raffinesse. Gekocht wird mit lokalen Produkten, die Gerichte sind von der traditionellen galicischen Küche inspiriert und ganz auf die Weine des Hauses abgestimmt.
Auf der Karte stehen Klassiker wie galicische Suppe, Jakobsmuscheln, Lourenzá-Bohnen mit Oktopus und Garnelen, in Mencía geschmorte Kalbshaxe mit Kastanien oder Ochsenschwanz-Cannelloni. Aber auch Vegetarier:innen werden glücklich. Es gibt eine Karte und ein Menü mit Weinbegleitung – und damit Galicien auf dem Teller und im Glas zugleich.
Nach dem Essen eine Bootsfahrt durch die Silschlucht
Und dann ist da noch das Boot. Die Adega Algueira betreibt mit der Brandán II ein eigenes Schiff, mit dem man langsam durch den Canyon gleitet – vielleicht die schönste Art, die Silschlucht zu erleben. Vorbei an den heroischen Weinbergen, die sich an den Hängen festklammern. Es ist die eindrücklichste Art, die Dimension dieser Schlucht zu begreifen: die Hänge und Felswände, die hunderte Meter aufragen, das fast schwarze Wasser, die Stille. Vom Fluss aus versteht man mit einem Mal, woher diese Weine kommen und was sie so besonders macht.
Algueira und die Ribeira Sacra selbst erleben – auf der Galicienreise von destino:vino
Ein Weingut wie dieses lässt sich schwer in einem Artikel einfangen. Man muss in den Weinbergen gestanden haben, den Wein dort trinken, wo er wächst, und die besondere Atmosphäre dieser Region atmen.
Genau das machen wir auf der Galicien-Weinreise von destino:vino. Wir besuchen die Adega Algueira ausführlich, bekommen eine Führung durch Weinberg und Keller, spazieren zum Aussichtspunkt, essen anschließend im weingutseigenen Restaurant O Castelo und machen mit dem hauseigenen Boot eine Fahrt über den Sil. Ein ganzer Tag, an dem alles zusammenkommt, was diesen Ort ausmacht.
Wenn du Lust hast, die Ribeira Sacra nicht nur zu lesen, sondern zu erleben, schau dir die Reise an. Es sind kleine Gruppen, und die Plätze sind begrenzt. Es lohnt sich!
Mehr über die Galicien-Weinreise erfahren
Häufige Fragen zur Adega Algueira
Wo liegt die Adega Algueira?
In Doade, Gemeinde Sober, Provinz Lugo – im Herzen der Subzone Amandi der DO Ribeira Sacra in Galicien, rund 20 Minuten von Monforte de Lemos entfernt.
Wer hat die Adega Algueira gegründet?
Fernando González, ein ehemaliger Bankangestellter aus Madrid, der ab den 1980er-Jahren verlassene Steillagen am Sil wieder bewirtschaftete. Heute führt die zweite Generation um Sohn Fabio González das Weingut.
Welche Weine macht Algueira?
Vor allem rote Mencía (etwa der Pizarra) und weiße Godello (etwa der Escalada), dazu Weine und Cuvées aus heimischen Sorten wie Brancellao, Sousón und Caiño. Gearbeitet wird ausschließlich mit eigenen, autochthonen Trauben.
Kann man die Adega Algueira besuchen?
Ja. Das Weingut bietet Führungen, Verkostungen, ein eigenes Restaurant (O Castelo) und Bootsfahrten auf dem Sil an. Auf der Galicien-Weinreise von destino:vino ist ein ausführlicher Besuch fester Bestandteil des Programms.